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Chronische Schmerzen im Alter

Ursachen & Tipps

Der Nervenschmerz-Ratgeber soll Betroffenen und Interessierten als Anlaufpunkt dienen.
Der Nervenschmerz-Ratgeber soll Betroffenen und Interessierten als Anlaufpunkt dienen.

Chronischer (länger andauernder) Schmerz ist in vielerlei Hinsicht ein komplexes Geschehen. Der Schmerz hat, ganz im Gegensatz zu akutem (plötzlichem) Schmerz, seine Warn- und Schutzfunktion verloren und sich von einem Symptom als Zeichen einer Krankheit zu einem eigenen Krankheitsbild verselbstständigt. Für diesen verselbstständigten Schmerz lässt sich oft keine adäquate körperliche Ursache mehr ausmachen, dafür liegt ihm nicht selten ein kompliziertes Geflecht biologischer, sozialer und psychologischer Faktoren zugrunde.

Von chronischem Schmerz spricht man je nach Fachgesellschaft ab Schmerzen, die länger als drei 1, beziehungsweise sechs Monate andauern 2. Man geht davon aus, dass etwa jeder fünfte Patient in einer Hausarztpraxis unter chronischen Schmerzen leidet, von denen die häufigsten Rücken- und Gelenkschmerzen sind 1. Besonders chronische Rückenschmerzen wiederum finden ihren Häufigkeitsgipfel im Alter 3.

Medizinische Fakten

Chronische Schmerzen sind vor allem durch ihre Verselbstständigung charakteristisch. Durch wiederholte Schmerzreize kommt es in verschiedenen Bereichen des Nervensystems zu Umbauprozessen, die vom veränderten Einbau von Rezeptoren bis zu geänderter Genexpression, also der zellulären Nutzung des genetischen Materials, reichen. Langfristig führt dies zu strukturellen Veränderungen im Schmerzsystem, welches dann unter anderem teils Nervenzellen einbezieht, die eigentlich von der Schmerzleitung unabhängig sind und beispielsweise zuvor für Berührung zuständig waren. Somit wird der Schmerz unabhängig von einem im eigentlichen Sinne schmerzhaftem Reiz, was auch erklärt, warum sich in vielen Fällen keine organische Ursache bei dennoch bestehenden Schmerzen finden lässt 4. Entsprechend häufig korrelieren die subjektive Beeinträchtigung und die fassbare Organschädigung nicht 1.

Schmerz an sich kann dabei ganz unterschiedliche Ursachen haben und wird in nozizeptiven, neuropathischen und funktionellen Schmerz eingeteilt. Nozizeptiver Schmerz entspricht dem klassischen Bild des Schmerzes auf der Grundlage einer Gewebereizung oder -schädigung. Neuropathischer Schmerz ist deutlich komplizierter und wird durch Nervenschädigung verursacht. Dafür kommen zahlreiche Grunderkrankungen in Betracht und die Behandlung erfordert besondere Maßnahmen 5.

Die dritte Schmerzgruppe ist die des funktionellen Schmerzes als Ausdruck psychischer Belastung. Diese Gruppe macht insbesondere deutlich, wie eng Körper und Geist vor allem beim Schmerz verknüpft sind. So bedeutet besonders chronischer Schmerz natürlich eine starke psychische Belastung. Andererseits haben psychosoziale Faktoren einen großen Einfluss auf die Schmerzwahrnehmung. Deswegen sind neben einer medikamentösen Therapie auch oft psychosoziale Strategien extrem sinnvoll. Diese können von körperlicher und sozialer Aktivität bis zur Unterstützung durch einen Psychologen reichen 1|5.

Des Weiteren tritt chronischer Schmerz häufig gemeinsam mit Angst, Depression und anderen psychischen Störungen auf, was wiederum die Nähe von Körper und Geist unterstreicht 1. Trotz aller Möglichkeiten des Schmerzes, sich zu verselbstständigen, muss eine körperliche Ursache sorgfältig ausgeschlossen werden 1.

Behandlung

Die Behandlung des chronischen Schmerzes ist äußert vielschichtig und spiegelt sich in den verschiedenen Ebenen des biopsychosozialen Konzepts vom Menschen wieder. Zu Beginn steht die Vereinbarung realistischer Behandlungsziele, die vorab erreicht werden sollen.
Auf biologischer Ebene steht eine Medikamentenanpassung im Vordergrund. Die Medikation von Schmerzen ist keineswegs einheitlich. So werden für die verschiedenen Arten von Schmerzen verschiedene Medikamente nötig. Besonders für den Nervenschmerz und den funktionellen Schmerz sind klassische Schmerzmittel nur gering wirksam, dafür  haben sich beim Nervenschmerz aber Antidepressiva und Medikamente gegen Epilepsie bewährt. So wirken einige Antidepressiva wie Amitriptyin und Duloxetin unterstützend auf die körpereigene Schmerzhemmung ein, verschiedene Antiepileptika wie Gabapentin blockieren dagegen die Schmerzweiterleitung 1|6.

Neben der medikamentösen Therapie stellt bei vielen Arten des chronischen Schmerzes auch eine Behandlung in funktioneller Hinsicht einen wichtigen Eckpfeiler dar. Dafür eignet sich eine aktivierende Physiotherapie, die womöglich schmerzbegünstigende Bewegungen und Körperhaltungen identifizieren und ändern kann 1. Auch Ergotherapie und alternative Heilmethoden wie Yoga und Akupunktur sind häufig sinnvoll 5.

In psychologischer Hinsicht stehen verschiedene Konzepte zur Verfügung, die auch kombiniert werden können und sollten. Entlastungsgespräche können sinnvoll sein, Entspannung kann sowohl auf psychologischer als auch auf körperlicher Ebene wirken, da oft Verspannung die Schmerzen begünstigen. Auch die Unterstützung durch einen Psychologen mithilfe Psychotherapie wird empfohlen und greift den Schmerz und seine belastenden Folgen oft wirkungsvoll in seiner psychischen Komponente an 1.

Ebenfalls wichtig sind Behandlungsstrategien im sozialen Bereich: Dazu gehört vor allem ein schmerzbekämpfendes Selbstmanagement. Wie bereits erwähnt, ist die Schmerzwahrnehmung entscheidend von der Psyche und der Aufmerksamkeit abhängig und kann somit mittels körperlicher und sozialer Aktivität deutlich reduziert werden. In Gegenzug kann sich Schonung in körperlicher und sozialer Hinsicht, die anfangs sinnvoll erscheint und das beim akuten, also nicht-chronischem Schmerz mit seiner noch bestehenden Warnfunktion auch ist, als schädlich herausstellen. Auch der Austausch in einer Selbsthilfegruppe oder die Teilnahme an einer medizinischer Rehabilitation (Reha) ist oft sinnvoll 1.

Die Behandlung sollte im Verlauf immer wieder hinsichtlich ihrer Wirksamkeit bewertet und mit dem Hausarzt sowie einem Psychologen abgestimmt werden. Es kann dabei nicht oft genug erwähnt werden, wie wichtig der Behandlungsansatz über eine rein körperliche Ebene hinaus ist, wie hilfreich psychologische und soziale Unterstützung sind. Besonders Letztere kann der Patient aktiv mitgestalten, Unterstützung in Selbsthilfegruppen suchen, körperlich aktiv bleiben und im aktiven Kontakt mit seinen Mitmenschen suchen und aufrechterhalten 1|5.

Zu beachten

Grundlegend sollte jeder Schmerz zunächst durch einen Arzt auf eine körperliche Ursache hin untersucht und diese ausgeschlossen oder als nicht für den Schmerz relevant genug befunden werden. Auch wenn sich bei chronischen Schmerzen oft keine adäquate körperliche Ursache finden lässt, kann durchaus in einigen Fällen eine Grunderkrankung, die die Schmerzen auslöst, bestehen oder zum chronischen Schmerz hinzukommen. Als Ursachen kommen dafür unter anderem Infektionen durch Bakterien, Viren oder Pilze, nicht-infektiöse Entzündungen wie Rheuma, Knochenbrüche, Nerveneinklemmungen oder Tumorleiden in Betracht 1.

Des Weiteren kann eine anhaltende Therapie mit Schmerzmitteln zu Schäden im Magen-Darm-Trakt und an der Niere führen, die am Magen zu Blutungen und an der Niere zu einer dauerhaften Funktionsbeeinträchtigung führen können 7. Die medikamentöse Behandlungsstrategie sollte entsprechend mit einem Arzt erarbeitet werden, um langfristige Organschäden zu vermeiden.

Quellen:

1 A. Becker, M. Becker, P. Engeser.: Chronischer Schmerz Kurzversion. 
   DEGAM Leitlinien, 2013.
2 J. Schulte am Esch, H. Bause, E. Kochs, J. Scholz, T. Standl, C. Werner: Anästhesie,
   Intensivmedizin, Notfallmedizin, Schmerztherapie. Thieme, 2011, S. 593 – 597.

3 F. Mader: Allgemeinmedizin und Praxis. Springer, 2000, S. 70 – 71.
4 R. Baron, W. Koppert, M. Strumpf, A. Willweber-Strumpf: Praktische Schmerzmedizin.
   Springer, 2013, S. 5 - 6.

5 Nervenschmerz,www.nervenschmerz-ratgeber.de, Stand 8.3.2015.
6 T. Herdegen (Hrsg.): Kurzlehrbuch Pharmakologie und Toxikologie.
   Thieme, 2010, S. 249.

7 T. Herdegen (2010): S. 277

 


 

Dipl.-Ing. (FH) Pia Haun | 
Öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für Holzschutz | IHK Trier
 

Dieser Beitrag wurde von Pia Haun eingestellt.
Die beratende Diplom-Ingenieurin (FH) für Bauwesen ist von der IHK Trier
öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für Holzschutz
sowie Gutachterin für Schimmelpilzschäden.
Seit Januar 2015 ist Pia Haun stellv. Vorsitzende des Verein Pflegeliga e.V.
 
 
 

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