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Bettina am Orde zum Pflegestärkungsgesetz

„Die neuen Regelungen sind Schritte in die richtige Richtung”

Bettina am Orde | Foto: © Deutsche Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See
Bettina am Orde | Foto: © Deutsche Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See

Im Interview: Die Direktorin der Deutschen Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See zum Pflegestärkungsgesetz.

„Frau am Orde, Sie vertreten eine der größten Pflegekassen Deutschlands. Wie beurteilen Sie das neue Gesetz?”

Bettina am Orde: „Die neuen Regelungen sind Schritte in die richtige Richtung. Die Knappschaft begrüßt es, insbesondere, dass vor allem demenziell erkrankte Menschen zukünftig mehr und höhere Leistungen erhalten.

Positiv sehen wir auch, dass zukünftig pflegende Angehörige stärker entlastet werden können.”

„Welche Leistungen werden denn zusätzlich zur Verfügung gestellt?”

Bettina am Orde: „Das ist zum Beispiel der Zuschlag für Mitglieder in ambulanten Wohngruppen, die Anschubfinanzierung für die Gründung ambulant betreuter Wohngruppen, oder die Leistungen der Tages- und Nachtpflege sowie der Kurzzeitpflege. Diese Leistungen konnten bisher nur bei Vorliegen einer Pflegestufe gezahlt werden, jetzt auch bei Vorliegen einer demenziellen Erkrankung.”

„Was sind eigentlich die neuen niedrigschwelligen Entlastungsleistungen?”

Bettina am Orde: „Das sind vor allem Unterstützungsleistungen im Haushalt, insbesondere bei der hauswirtschaftlichen Versorgung, zum Beispiel beim Reinigen der Wohnung.”

„Das Gesetz soll zum 1. Januar 2015 in Kraft treten, kann man diese neue Leistung dann schon nutzen?”

Bettina am Orde: „Jede Kasse muss erst überprüfen, wer welche Leistungen bekommen darf. Dies kann auch von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sein, was die tatsächliche Auszahlung von Geldern hinauszögern kann. Wir als eine der größten und aktivsten Pflegekassen bundesweit werden jedenfalls zusehen, dass unsere Versicherten ihre Leistungen so schnell wie möglich bekommen!”

„Wie viel Geld bekommt man von der Knappschaft für diese Entlastungsleistungen?”

Bettina am Orde: „Das ist abhängig von der jeweiligen Pflegestufe und dem Ausmaß einer demenziellen Erkrankung, entweder 104 Euro monatlich oder 208 Euro im Monat.”

„Kann man, wie bisher auch, niedrigschwellige Betreuungsangebote,
z.B. den Besuch eines Demenz-Cafés nutzen?”

Bettina am Orde: „Ja, die Beträge von 104 bzw. 208 Euro stehen sowohl für die Entlastungsleistungen als auch für die niedrigschwelligen Betreuungsangebote zur Verfügung.”

„Ist das alles oder können für Betreuungs- und Entlastungsleistungen noch zusätzliche Mittel eingesetzt werden?”

Bettina am Orde: „Ja, wir sprechen hier von einer Umwidmung der Sachleistungsbeträge. Das bedeutet, dass demnächst bis zu 40 Prozent des für die jeweilige Pflegestufe vorgesehenen Betrages – soweit dieser nicht verbraucht ist - auch für niedrigschwellige Betreuungs- und Entlastungsleistungen genutzt werden kann, neben den genannten Beträgen von 104 bzw. 208 Euro.”

„Die Tages- und Nachtpflege, also die teilstationäre Pflege,
soll ausgebaut und flexibler genutzt werden können.
Wie muss man sich das vorstellen?”

Bettina am Orde: „Die Leistungen der teilstationären Pflege werden demnächst uneingeschränkt neben dem Pflegegeld oder der Pflegesachleistung der jeweiligen Pflegestufe zur Verfügung gestellt.

Es erfolgt keine Anrechnung. Der Vorteil ist, dass damit für den Pflegebedürftigen unterm Strich mehr Geld zur Verfügung steht.”

„Gibt es noch weitere Gestaltungsmöglichkeiten?”

Bettina am Orde: „Ja, für die Kurzzeitpflege können demnächst zusätzlich nicht verbrauchte Mittel der Verhinderungspflege eingesetzt und die Leistungsdauer dadurch verlängert werden. Verhinderungspflege bedeutet, dass ein Angehöriger beispielsweise dann durch einen Pflegedienst gepflegt wird, wenn man selbst verhindert ist. Also beispielsweise durch Urlaub oder Krankheit. So können beispielsweise Leistungen bis zu 3.224 Euro für bis zu acht Wochen im Kalenderjahr für die Kurzzeitpflege genutzt werden, wenn die Verhinderungspflege nicht in Anspruch genommen wurde. Zukünftig kann die Verhinderungspflege bis zu sechs Wochen anstatt der bisherigen vier Wochen genutzt werden.”

„Sie sagten eingangs, dass auch die pflegenden Angehörigen entlastet werden sollen.
Wo sehen Sie solche Entlastungsmöglichkeiten?”

Bettina am Orde: „Die neuen Entlastungsleistungen können dazu beitragen, dass pflegende Angehörige weniger hauswirtschaftliche Arbeiten im Haushalt des Pflegebedürftigen durchführen müssen.

Auch sind beispielsweise die flexibleren Nutzungsmöglichkeiten bei den teilstationären Leistungen für mich ein wichtiger Beitrag zur Entlastung der Angehörigen sowie zur besseren Vereinbarkeit von Pflege, Familie und Beruf.”

„Zahlreiche Leistungsbeträge sind um vier Prozent angehoben worden.
Wie wird das alles finanziert?”

Bettina am Orde: „Am 1. Januar werden die Beiträge in der sozialen Pflegeversicherung bei allen Pflegekassen um 0,3 Beitragssatzpunkt angehoben. Der Beitragssatz für Versicherte beträgt dann 2,35 Prozent, für kinderlose Versicherte 2,60 Prozent der beitragspflichtigen Einnahmen.”

„Können auch die Pflegebedürftigen von dem neuen Gesetz profitieren,
die stationär versorgt werden?”

Bettina am Orde: „Auf jeden Fall. Hier ist wichtig, dass zukünftig Betreuungs- und Aktivierungsangebote allen pflegebedürftigen Bewohnern sowie Versicherten der Stufe 0 zur Verfügung stehen. Zudem wird die Knappschaft eine größere Anzahl von Vergütungszuschlägen mit den stationären Einrichtungen vereinbaren, weil demnächst eine Betreuungsperson für 20 anspruchsberichtigte Personen zur Verfügung steht, bisher lag der Betreuungsschlüssel bei 1 zu 24.”

„Wie wirken sich die höheren Leistungen eigentlich bei der Knappschaft aus?”

Bettina am Orde: „Die Knappschaft versorgt derzeit rd. 143.000 Pflegebedürftige. Allein die Anhebung der Beträge bei den Pflegesachleistungen, dem Pflegegeld, der Tages- und Nachtpflege sowie der vollstationären Pflege wird beispielsweise Mehrausgaben von ca. 47 Millionen Euro nach sich ziehen. Bei den zusätzlichen Betreuungs- und Entlastungsleistungen für Angehörige veranschlagen wir die Mehrkosten mit etwa 17 Millionen Euro.”

Quelle: Deutsche Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See (KBS)


 

Detlef Klemme
BLiCKpunkt Senioren | Klemme & von Treskow GbR 
Foto: © Kirsten Hötger
 

Dieser Beitrag wurde von Detlef Klemme eingestellt.
Der Paderborner Journalist und Buchautor ist Mitgesellschafter der
BLiCKpunkt Senioren GbR und leitet dort seit über 15 Jahren die
Fachredaktion im Medienverbund. Im Januar 2012 wählten ihn die
Mitglieder des Verein Pflegeliga e.V. zum geschäftsführenden Vorstandsvorsitzenden.


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