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Dr. med. Willy Schneidrzik

Dr. med. Willy Schneidrzik - Medizin- und Wissenschaftsjournalist
Dr. med. Willy Schneidrzik - Medizin- und Wissenschaftsjournalist

 

In seinem Buch "Älter werden – na und? Der Gesundheitsratgeber für Senioren" informiert der Autor einfühlsam und allgemein verständlich über normale Altersveränderungen und wie sie häufig durch eine gesundheitsbewusste Lebensweise hinausgezögert oder vermindert werden können. Die Behandlung und aktive Vorbeugung von Krankheiten, die im Alter vermehrt auftreten, steht dabei im Vordergrund.

Das Interview mit Dr. med. Willy Schneidrzik führte Detlef Klemme Mitte Mai 2001 im Perthes-Haus in Paderborn.

 

 

 

 

BLiCKpunkt: Sie haben Medizin studiert, waren Oberarzt einer chirugischen Universitätsklinik und sind dann plötzlich auf den Beruf des Schriftstellers umgestiegen. Können Sie uns etwas näheres über diesen etwas ungewöhnlichen Weg sagen?

Dr. Schneidrzik: Zwei Bücher bestimmen dieses Schicksal. Als Assistent der Bonner chirugischen Universitätsklinik schrieb ich 1950 mein erstes Buch, ein Lehrbuch der Thoraxchirugie. Es sollte mich auf den Weg zur akademischen Laufbahn bringen und verhalf mir 1953 zu einer Stellung als Oberarzt an der Kölner Universitätsklinik. Hier wollte ich einmal eine Abteilung für Thoraxchirugie aufbauen und zum anderen versuchen, in meiner immerhin gehobenen Position die menschenunwürdigen Zustände der Patientenbehandlung abzuschaffen.
Mit seiner Einlieferung geriet der Kranke gewissermaßen in eine Kaserne. Er musste seinen Namen am Empfang abgeben, und wurde zu einem Organ herabgewürdigt. Nicht Herr Müller lag im Bett, sondern sein Mastdarm. Alte Menschen wurden mit Opa und Oma angeredet und natürlich geduzt. Und peinliche Untersuchungen wurden im Mehrbettenzimmer vor den Augen der Mitpatienten durchgeführt. Aber der Versuch, diese Missstände abzuschaffen, misslang. Also schrieb ich mir meinen Kummer unter dem Pseudonym Peter Sebastian im Roman "Kaserne Krankenhaus" von der Seele. Er erschien 1956 zunächst in der Illustrierten "Revue", und wurde ein solcher Erfolg, dass er später als Buch in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Auch das Fernsehen wurde auf mich aufmerksam, 1957 konnte ich als Textautor und Gestalter und Sprecher meine erste Sendung auf den Bildschirm bringen. Es war immerhin eine Art Pioniersendung, denn die allererste öffentliche Fernsehsendung hatte der NWDR zum Weihnachtsfest 1952 ausgestrahlt. Meine Sendung erfolgte also viereinhalb Jahre später. Der Erfolg meines ersten Romans regt mich an, einen zweiten Roman "Der Chefarzt" zu schreiben. Hier versuchte ich das Problem Heilpraktiker - Schulmediziner klar zu stellen. Aber jetzt druckte der Verleger mein Foto mit ab. Damit wurde mein Pseudonym gelüftet und ich gefeuert.

BLiCKpunkt: Wäre es nicht besser gewesen, Sie hätten anstelle Roman zu schreiben, die Missstände an Ort und Stelle abgestellt?

Dr. Schneidrzik: Ich hatte es in Bonn versucht. Dort ließ ich bei Untersuchungen spanische Wände um die Betten stellen. Das wurde mir aber untersagt, weil man keine calvinistischen Sitten einführen wollte.

BLiCKpunkt: Was bedeutete das?

Dr. Schneidrzik: 1948/49 hatte ich als Stipendiat des British Council ein Jahr lang an englischen Kliniken hospitiert, um die damals in Deutschland noch unterentwickelte Thoraxchirugie zu erlernen. In England behandelte man die Patienten zwar auch in Mehrbettzimmern, aber fair und gentlemanlike, wie mein damaliger Oberarzt meinte, calvinistisch.


BLiCKpunkt: Was hat der Roman denn außer Ihrem Rauswurf positives bewirkt?

Dr. Schneidrzik: Das eingefahrene System selber konnte ich nicht verändern. Er hat sicher die Leser zum Nachdenken angeregt. Mir aber hat er psychisch geholfen, meinen Ärger loszuwerden. Und er hat mich gezwungen, eine völlig neue Laufbahn einzuschlagen. Ich wurde Schriftsteller und konnte meine medizinischen Kenntnisse der Allgemeinheit zugänglich machen.

BLiCKpunkt: Konnten Sie denn mit dem Schreiben soviel Geld verdienen um sich und Ihre Familie zu unterhalten?

Dr. Schneidrzik: Der Verleger der "Revue" sah ein, dass er mein Foto nicht hätte veröffentlichen dürfen. Er ließ mich wöchentliche gut bezahlte medizinische Kolumnen für sein Magazin schreiben. Medizinische Artikel in Zeitungen waren damals - im Gegensatz zu heute - eine große Seltenheit. 1960 wechselte ich dann zur "Bunten" über und bekam hier eine feste Anstellung. Ich veröffentlichte wöchentlich eine med. Kolumne. 1972 übernahm mich dann der Herausgeber Senator Burda in seine damals neu gegründete "Freizeit Revue". Für sie schreibe ich bis heute immer noch. Sie können mein Foto dort jede Woche bewundern. In den achtziger und neunziger Jahren wurde ich dann zusätzlich Drehbuchautor und Moderator für den Fernsehsender WDR 3.

BLiCKpunkt: Bekannt geworden sind Sie doch wohl im wesentlichen durch Ihre Taschenbuchserie Dr. Thomas Bruckner. Können Sie uns darüber etwas erzählen?

Dr. Schneidrzik: Der Verleger des Bastei-Verlages Gustav Lübbe beklagte sich eines Tages, dass es keine gängigen Themen für Taschenbuchreihen mehr gebe. Ich erklärte ihm, dass es noch keine Arztromanserien gab und schlug ihm vor, sie als Sachroman herauszugeben.

BLiCKpunkt: Den Ausdruck Sachroman kenne ich nicht. Was bedeutet das?

Dr. Schneidrzik: Der Begriff stammt von mir. Ich habe ihn für die Romanart geschaffen, die ich aus der Taufe heben wollte. Jeder Roman sollte ein medizinisches Thema behandeln, das dann am Schluss sachlich und laienverständlich erklärt wird. Lübbe war mit dem Vorschlag einverstanden und ließ mir in der Gestaltung freie Hand. Drei bis vier Romane werde er sicher verkaufen können, meinte er. Am 7. November 1963 unterzeichnete ich den Vertrag. 1964 erschien dann der erste Roman "Schicksal in seiner Hand". Er beschrieb die Operationen verschiedener Magenkrankheiten. Im nächsten Roman "Ihr zweites Herz" erkläre ich dann die verschiedenen Eingriffe am Herzen, und in Nr. 3 wird "Den Tod besiegt". Der Leser erfährt in erzählender Form alles über die Mund-zu-Mund-Beatmung. Glücklicherweise hatte sich Lübbe in der Prognose geirrt. Es blieb nicht bei den drei Romanen. Die Nachfrage war so groß, dass die Zehn-Millionen-Grenze überschritten wurde. Beim 239. Roman aber gab ich dann schließlich auf. Ich konnte einfach nicht mehr. Stellen Sie sich vor, Sie müssen alle vier Wochen einen Roman von zweihundert Seiten nicht nur ausdenken, sondern ihn auch zu Papier bringen. Die ersten Manuskripte tippte ich noch mit zwei Fingern auf einer Reiseschreibmaschine. Erst viel später diktierte ich sie auf Tonband und ließ sie abtippen. Also schickte ich in diesem letzten Roman den Helden in den Urwald. Er sollte dort natürliche Heilmethoden studieren. Auf diese Weise konnte ich ihn eventuell wieder in das Geschäft hereinholen.

BLiCKpunkt: Wie haben Sie es geschafft, alle vier Wochen eine neue Story zu finden?

Dr. Schneidrzik: Ich reiste viel und konnte so alle meine Erlebnisse in die Romane einbauen. San Franzisko, Paris, Rom, Marrakesch, New York, Venedig, die Pyrymiden Ägyptens, Dehli, Tokio, um nur einige zu nennen, boten genug Stoff. Außerdem konnte ich mir meine Sorgen vom Herzen schreiben. Hatte ich mich über jemand geärgert, wurde er unter erkennbarer Veränderung seines Namens erwähnt. Auf einer Feier zu meinen Büchern machte der Festredner eine umfassende Handbewegung über die Gäste: "Ich bin sicher, dass die meisten von Ihnen bereits in seinen Romane vorgekommen sind." Meine Geschichten waren romanhafte Tagebücher mit einer autopsychoanalytischen Wirkung: Ich schrieb mir jeden Ärger einfach von der Seele.

BLiCKpunkt: Sind die Bruckner-Romane nicht auch verfilmt worden?

Dr. Schneidrzik: RTL hat eine Dr. Thomas Bruckner-Serie im Programm. Sie scheint erfolgreich zu sein.

BLiCKpunkt: Sie sagen "scheint". Gefällt Sie Ihnen etwa nicht?

Dr. Schneidrzik: Es ist eine alte Regel, den Autor des Dramas niemals zu den Proben seines Stückes zuzulassen. Das gleiche gilt für den Romancier. Er wird niemals mit dem einverstanden sein, was der Regisseur aus seinem Stück gemacht hat. Deswegen bitte ich Sie, nicht mit einer Antwort zu rechnen. Ich schaue mir die Filme gar nicht erst an, um mich nicht zu ärgern.

BLiCKpunkt: Sie haben doch aber auch noch andere erfogreiche Bücher geschrieben?

Dr. Schneidrzik: 1964 veröffentlichte ich mit dem Solo-Tänzer Lothar Höfgen im Lübbe-Verlag "Ballettgeflüster", ein lustig geschriebenes Buch über das Ballett. Das lebte damals in einer Ballettzeit. Für das Tanzprogramm der Bonner Oper verfasste ich Texte über das damals von vielen abgelehnte moderne Ballett. Ich trug sie selber vor Beginn des Tanzes vor, um für das Verständnis zu werben. In der Kölner Ballettschule hielt ich medizinische Vorträge, um die Tänzer auf den Umgang mit ihren oft überstrapazierten Gliedmaßen aufmerksam zu machen.

BLiCKpunkt: Sie haben offenbar vor nichts zurückgeschreckt.

Dr. Schneidrzik: Ich habe mein Leben immer - um Rilke zu zitieren. "in wachsenden Ringen gelebt, die sich um die Dinge drehen."

BLiCKpunkt: Gibt es noch andere außergewöhnliche Bücher von Ihnen?

Dr. Schneidrzik: Das ist sicher mein Märchenbuch "Das Wunder bist Du". Es erschien 1957 im Kindler-Verlag und beschreibt zwei Kinder, die der Teufel in mikrobenkleine Wesen verwandelt hat. Sie wandern nun zusammen mit ihrem Teddy durch die Darmwelt des Menschen und lernen so auf märchenhafte Weise die menschlichen Eingeweide kennen. Ansonsten habe ich noch zehn medizinische Sachbücher mit unterschiedlichen Themen veröffentlicht. Den größten bleibenden Erfolg aber brachte sicher mein "Gesundheitsratgeber für Senioren". Genau zu meinem 85. Geburtstag im vergangenen Jahr brachte der Verlag Urban und Fischer die vierte erweiterte und neu bearbeitete Auflage unter dem attraktiven neuen Titel "Älter werden - na und?" heraus.

BLiCKpunkt: Wodurch erklären Sie sich den Erfolg des Buches?

Dr. Schneidrzik: Weil ich das Buch als Senior geschrieben habe. Als alter Mann kenne ich die Beschwerden des Alters und Behandlung aus eigener Erfahrung und weiß am besten, wie man sie behandelt. Die meisten solcher Altersratgeber sind von jungen Leuten geschrieben. Und die kennen das Altwerden nur aus der Literatur.

BLiCKpunkt: Gibt es sonst noch einen interessanten wechselnden Ring Ihrer Tätigkeit?

Dr. Schneidrzik: Vielleicht meine dichterische Phase. Meinem ersten Lehrbuch der Thoraxchirugie stellte ich ein Distichon als Leitmotiv voran: "Jegliches Wissen hat Grenzen, doch nur der Weise erkennt sie, wagt es, sie ehrlich zu nennen, wenn auch der Tor ihn verlacht". Ich wollte damit auf die damals weit verbreitete Uneinsichtigkeit der Professoren hinweisen. Außerdem habe ich eine Reihe von Gedichten veröffentlicht. Für ein Sonett habe ich 1981 sogar den ersten Preis in einem Wettbewerb gewonnen:

"Rose auf dem Schreibtisch

Ganz Scham noch und doch ganz Erwartung senkt
erglühend sie vor mir, den Kopf, den schönen,
und öffnet wie ein Weib sich, das voll Sehnen
zum ersten Mal sich dem Geliebten schenkt.
 
Noch gestern war sie ganz in sich gehüllt,
Gefangene ihrer selbst, der Heil´gen gleich,
die betet, weil das unbekannte Reich
der Welt sie lockt, und sie mit Sehnsucht füllt
 
und sie doch schreckt, weil sie es noch nicht kennt.
Heut öffnet sie sich zaghaft, und sie sieht
in meinen Augen, wunderbar erfüllt
 
von ihrem Reiz, zum ersten Mal ihr Bild -
Da öffnet weit sie sich, und duftend brennt
sie selbst sich aus und blüht - und blüht - und stirbt."

BLiCKpunkt: Haben Sie außer diesem ersten Preis noch andere Auszeichnungen bekommen?

Dr. Schneidrzik: Sicher. Das bleibt nicht aus, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat. Die Ärztekammer Nordrhein verlieh mir die "Johannes-Weyer-Medaille" als Anerkennung meiner aufklärenden Arbeit. Vier medizinische Vereinigungen überreichten mir ihre Auszeichnungen und 1991 erhielt ich das "Bundesverdienstkreuz am Bande".

BLiCKpunkt: Für welche Zeitschriften schreiben Sie zur Zeit?

Dr. Schneidrzik: Von 1982 bis 2000 hatte ich für die Fernsehbeilage Prisma Beiträge geliefert. Dann wurde ich dem jungen Chefredakteur wohl zu alt, und er ersetzte mich durch eine jüngere Frau. Dafür schreibe ich nun laufend für die Kölner Seniorenzeitschrift Kölner Leben und für die Freizeit Revue.


Detlef Klemme | BLiCKpunkt Senioren GbR | Foto: © Kirsten Hötger

Dieser Beitrag wurde von Detlef Klemme eingestellt. Der Paderborner Journalist und Buchautor leitet seit über 10 Jahren die Fachredaktion im BLiCKpunkt Medienverbund. Außerdem führt er seit 2012 den Verein Pflegeliga e.V. als geschäftsführender Vorstandsvorsitzender.

Detlef Klemme
BLiCKpunkt Senioren GbR | Klemme & von Treskow


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